Unbekannte Schöne in Italiens grüner Mitte

UMBRIEN. Wein, Würste, Wasser, Wildnis. Eine Reise durch das etwas andere Italien, wo es viel Merkwürdiges zu entdecken gibt – und eine tolle Küche. Die Provinz Umbrien wird zu Unrecht von vielen links liegen gelassen.

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Nach Italien? Klar doch. Aber immer wieder blick­ten Bekannte erstaunt auf, als wir ihnen erklärten, dass wir einmal Umbrien inten­siv mit dem Auto und zu Fuß durchstreifen wollten. Um-wie? Um-bri-en! Als der Name der Region ge­klärt war, tauchte nicht selten die Frage auf: Wo liegt denn das? Die Antwort ist simpel: mittendrin in Italien. Unterhalb der viel berühmteren Toskana und oberhalb von Rom.

Die Provinz, die im Gegen­satz zu ihren Nachbarn keinen Meereszugang hat, ist touris­tisch weitgehend noch eine un­bekannte Schöne. Das hat Vor­teile: Während es in der Hoch­saison in der Toskana oft hektisch zugeht, genießen wir nur 100 Kilometer weiter südöstlich die Ruhe. Hektik – die ist anderswo. Wir nehmen uns freilich die Freiheit, auf un­serer Tour die Provinzgrenzen immer wieder zu überschrei­ten. Und wir sinnieren, ob die Ruhe schon im 12. Jahrhundert galt, als der liebe Gott auf den jungen Franz von Assisi einen solchen Eindruck machte, dass der sich für ein Leben in Armut und Keuschheit entschied und einen Orden gründete.

Der besondere Geist liegt heu­te noch über Assisi am Fuß des Monte Subasio. Hierher lud Papst Johannes Paul II. im Jahr 2000 die Vertreter aller Weltre­ligionen zum gemeinsamen Ge­bet ein. Aus aller Herren Länder hört man auch heute die Stim­men der Besucher, wenn man in der Basilika San Francesco sitzt. Und nirgendwo – vom Vatikan einmal abgesehen – sind wir so vielen Geistlichen begegnet wie in dieser Stadt.

Dass die Kirche im Alltag auch heute noch eine bedeu­tende Rolle spielt, wurde beim vorhergegangenen Besuch des be­rühmten Klosters La Verna in der Provinz Arezzo (und damit in der östlichen Toskana) klar: Hunderte, nein tausende Besucher drängelten sich hier an einem Sonntag an dem vom heiligen Franziskus gegründeten Kloster hoch über der Gemeinde Chiusa. Messen im Stundentakt und lange Schlangen vor den Beichtstühlen – der Volksglaube ist hier bis heute fest verwurzelt.

Doch auch wer „nur“ ein Faible für mittelalterliche Kul­tur und Architektur hat, kommt in Italiens geografischer Mitte (die übrigens exakt im Zentrum von Rieti definiert ist) aus dem Staunen kaum heraus. Etwa in Arezzo, wo in der gotischen Kir­che San Francesco in einem Freskenzyklus eine der großar­tigsten Schöpfungen der italie­nischen Renaissance zu bestau­nen ist. Wir sind uns indessen nicht ganz einig, ob der Preis für die schönste Kirche in Arezzo nicht doch der Pieve di Santa Maria mit ihrer strengen romanischen Fassade gebührt.

Wenige Kilometer weiter, in der alten Etruskerstadt Corto­na, genießen viele Besucher den weiten Blick auf die Ebene, in der 15 Ki­lometer entfernt Italiens viert­größtes Binnengewässer, der Trasimenische See, aufblitzt. Nicht ohne uns in einem der kleinen Geschäfte an der Piazza della Repubblica in Cortona mit den unglaublich intensiv schmeckenden Oliven aus der Gegend und Wein eingedeckt zu haben, machen wir uns auf den Weg zum See.

Der weist auf der Westseite ein extrem flaches Ufer auf. Für Kinder ist‘s zweifelsohne ideal, wir hätten uns aber gewünscht, nicht erst 200 Meter durch den Schlamm watscheln zu müs­sen, bis sich das Wasser zum Schwimmen eignet. Egal.

Volksglaube hin oder her: Vor den Besuch der Regionshauptstadt Perugia hat der Herr die Parkplatzsuche gestellt. Es ist einer der Orte, wo man sich statt eines Mittelklasseautos lieber ein Elektrofahrrad wünscht, um doch noch eine kleine Nische erha­schen zu können. Endlich eine passende Lücke gefunden, staunen wir auf dem Platz des 9. November über den wohl schönsten mittelalter­lichen Brunnen Italiens, die Fontana Maggiore. Zusammen mit dem Priorenpalast und dem mit weißem und rotem Marmor verkleideten Dom bietet er ein einmaliges Ensemble. Zum kulturellen Genuss gesellt sich obendrein der lukullische, denn in einer kleinen Trattoria Perugias lassen wir Umbrien buchstäblich auf der Zunge zer­gehen. Die Vorspeise besteht aus einer leckeren Trüffelwurst aus Norcia samt tiefschwarzen Oliven und Crostini, einem Weißbrottoast mit Hühnerin­nereien. Als Hauptgang lassen wir uns Porchetta, also Spanfer­kel, auftragen. Und schließlich beenden wir das Menü mit Stincchetti, knochenförmigen Stückehen aus Mandelteig.

Zum Glück liegen die se­henswerten Orte Umbriens fast ausnahmslos auf Hügeln – so können wir die Kalorien wieder abtrainieren. In Orvieto ma­chen wir noch einmal eine Aus­nahme vom zivilisierten Berg­steigen: Hier lassen wir uns zu­nächst vom großen Parkplatz am Bahn­hof ganz bequem mit der Berg­bahn auf den Tuffhügel zur Alt­stadt tuckern – um dann aber gleich wieder 62 Meter nach unten zu steigen. Schließlich ist der Pozzo di San Patrizio einer der eigenartigsten Brunnen des Landes, der von zwei spiralförmig verlaufenden Treppen eingerahmt ist. Genauso be­merkenswert ist der Dom von Orvieto mit der faszinierenden Mosaikfassade, an der man sich kaum satt sehen kann.

Während sich hier Touris­ten aus allen Ländern tummeln, ist es 20 Kilometer südlich weitgehend menschenleer. Nur über enge Pfade ist das Bergnest Civita bei Bagno­regio im Latium zu erreichen. In der „sterbenden Stadt“, die bis in die sechziger Jahre nur mit dem Esel erreichbar war, scheint die Zeit stillzustehen. Wer sich den Stress der Parkplatzsuche unterhalb von Civita  und ständige Ausweichmanöver auf der engen Zufahrtstraße vermeiden möchte, sollte in Bagnoregio auf den Zubringerbus umsteigen.

Vom Bolsena-See mit sei­nen tiefschwarzen Ufern aus Lava-Sand fahren wir weiter nach Terni, um dort eines der größten Naturschauspiele Ita­liens, die Marmore-Wasserfäl­le, zu bewundern. Tatsächlich wurde der „italienische Niagara“, der stufenweise 165 Meter in die Tiefe stürzt, schon zur Rö­merzeit von Menschenhand ge­schaffen und strömt auf Knopf­druck nur stundenweise. Besonders eindruckend ist das Schauspiel, wenn der Wasserfall zu nächtlicher Stunde wunderbar illuminiert laut donnernd brodelt.  

Anschließend wieder ein Abstecher über die Regionsgrenze – diesmal zu den Abruzzen. Traurige Berühmtheit hat die Regionhauptstadt L‘Aquila im April 2009 erlangt, als ein fürchterliches Erdbeben zahlreiche Opfer kostete und große Teile der Stadt zerstörte. Das riesige Castello steht zwar trutzig wie eh und je, aber weite Teile der stadt sind ein Trümmerfeld. Jetzt ist L’Aquila vor allem ein Fanal für die Vergänglichkeit und die Machtlosigkeit der Menschen vor Naturgewalten. Die be­rühmte Kirche Santa Maria di Collemaggio vor den Toren der Stadt ist durch das Erdbeben auch weitgehend zerstört worden. Es ist traurig, die Ruine zu sehen – aber es ist dennoch ein Ort der Zuversicht: „Sagen Sie den Leuten, dass sie uns trotz des Schicksalsschlags besuchen sollen“, sagt eine Mitarbeiterin des Tourismusbüros, „wir brauchen die Gäste; wir brauchen den Zuspruch.“  Der Appell verhallt – noch – weitgehend ungehört. In und um L’Aquila ist das Urlauberaufkommen deutlich zurückgegangen. Und das, obwohl die Landschaft  im nahen Abruzzen-National­park friedlich und faszinierend wirkt wie immer. Die Herzlichkeit, mit der die wenigen Touristen hier in den gebeutelten Gasthäusern aufgenommen werden, ist umso höher.

Uns ist es recht: Sollen sich die anderen doch in der Toska­na oder in Rom drängeln.

Joachim  Sterz

 

INFOTHEK Umbrien

Allgemeines: Mit einer Fläche von 8500 Quadratkilometern ist Umbrien (865.000 Einwohner) zweieinhalbmal kleiner als die Toskana im Norden. Umbrien liegt im Herzen Italiens. Nachbarregionen sind die Toskana, Marken, die Abruzzen und Latium. Umbrien ist die einzige Region Ita­liens, die weder eine Küste, noch ei­ne Grenze zum Ausland hat. Die Re­gion besteht aus den beiden Provin­zen Perugia und Terni.

Anreise: Am schnellsten geht es für Autotouristen aus Deutschland nach Umbrien über die A 1 von Mai­land nach Rom (für diejenigen, die über die Brenner-Strecke anreisen: ab Bologna). Die Autobahn streift die Region im Westen. Direkt an der Strecke liegt Orvieto. Wer nach Peru­gia, Assisi oder Foligno will, sollte die A 1 an der Ausfahrt Val di Chiana ver­lassen und auf der vierspurig ausge­bauten Staatsstraße 75 weiterfahren.

Veranstaltungen: Umbrien gilt als die Region mit den meisten Musik­festivals in Italien. Im Juli stehen in Spoleto das Festival dei Due Monti mit Aufführungen vor der atemberau­benden Kulisse des Domes und in Pe­rugia das Umbria Jazz Festival auf dem Programm. In Citta di Castello steigt im August das Festival delle Nazioni. Im September ist in Perugia­ die Sagra Musicale Umbra angesagt.

Literatur: Zur Einstimmung auf eine Reise nach Umbrien empfiehlt das Italienische Fremdenverkehrsamt zwei Bücher: „Der Lügner von Um­brien“ von Bjarne Reuter sowie „Rei­se im Mondlicht“ von Antal Szerb.

Informationen: Staatliches Italienisches Fremdenverkehrsamt ENIT, Kaiser­straße 65, D-60329 Frankfurt/Main, Telefon 069/237434, www.enit-italia.de.  APT dell’Umbria, Via Mazzini, I-06100 Perugia,  www.umbria-turismo.it.

 

 

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