Projekt [U25] bietet Hilfe bei Suizidgedanken: Junge unterstützen Jugendliche - Interview mit Coach Christine Schweizer


"Danke, wegen dir bin ich noch am Leben." - Ausbildungscoach Christine Schweizer hilft und begleitet Jugendliche, die Selbstmordgedanken quälen.

Am 1. Februar 2014 startete das Pilotprojekt [U25] in der Ostschweiz mit der Beratungstätigkeit, die Jugendlichen mit Selbstmordgedanken hilft und sie begleitet. In der Zwischenzeit fanden bereits neunundsechzig Jugendliche im Alter zwischen zwölf und vierundzwanzig Jahren Hilfe. Das junge Team aus KrisenberaterInnen verzeichnet in der Zwischenzeit zweihundertvierundzwanzig effektiv geleistete Beratungsleistungen und baut bereits einen neuen Standort auf um noch mehr Jugendlichen helfen zu können.

Zweiter Standort in Rapperswil

Nach nur 3 Monaten baut [U25] bereits einen neuen Standort in Rapperswil-Jona auf. Die erste Peergroup in der Ostschweiz ist bereits komplett ausgebucht. Täglich treffen zwei bis vier E-Mails, von Jugendlichen mit ernsthaften Suizidgedanken, bei der Online-Beratungsstelle ein. Die Tendenz ist steigend. Dort beantworten fünf 19 bis 22-jährige, ehrenamtliche PeerberaterInnen die E-Mails und bauen eine Beziehung zu den Jugendlichen auf, um diese durch die Krise zu begleiten.

Bereits mehr BeraterInnen gesucht

Gesucht werden jetzt weitere Jugendliche welche sich zum/ zur Krisenberater/in ausbilden lassen wollen. Momentan richtet sich das Präventionsprojekt in den Räumlichkeiten der Kinder- und Jungendarbeit "Jump-in" in Rapperswil-Jona ein. Für den weiteren Ausbau von [U25] werden Spenden von Privaten, Stiftungen und Firmen benötigt. Dank der Raiffeisen Jubiläumsstiftung, dem Verein Tipiti in Wil und „Jump-in“ in Rapperswil-Jona ist dieser Ausbau möglich. Beide Vereine stellen dem vielversprechenden Projekt ihre Räumlichkeiten zur Verfügung.

Für jeden Beitrag auf das Konto: Alternative Bank Schweiz, CH05 0839 0032 9912 1000 0 ist ihnen der Verein Lebe! dankbar.

Interview mit Christine Schweizer, Ausbildungscoach Peerberatung [U25]Ostschweiz

Liebe Christine Schweizer besten Dank dass Du Dir Zeit nimmst für das Interview, kannst du Dich unseren LeserInnen kurz vorstellen?

Ich heisse Christine Schweizer und komme aus dem Schwarzwald in Deutschland. In Freiburg studierte ich Sozialpädagogik im Fachbereich Erziehung und Bildung und arbeitete dort sieben Jahre ehrenamtlich als Peerberaterin. Innerhalb dieser sieben Jahre übernahm ich mit der Zeit administrative und organisatorische Aufgaben für [U25]. Über die Mitarbeit am Projekt [U25]kam ich dann auch zum Studium.

Du bringst langjährige Erfahrungen im Bereich Peerberatung mit Suizidgefährdeten Jugendlichen mit, kannst du uns davon erzählen?

Jugendlichen mit Suizidgedanken fällt es leichter, sich durch die Anonymität des Internets an [U25] zu wenden. Unsere Peerberater hören vorwiegend zu und tragen mit was der Klient oder die Klientin nicht alleine tragen kann. Wichtig ist es auszuhalten was uns die Jugendlichen mitteilen, da sind schon ganz schwierige Geschichten dabei. Wir fragen nach und versuchen so gemeinsam die Krise zu überwinden. Die konstante Beziehung zum Peerberater ist es, was dem Suizidgefährdeten hilft am Leben zu bleiben.

Du wirst die PeerberateInnen in der Schweiz ausbilden. Was erwartet Peerberater, die sich bei dir ausbilden lassen?

Zuerst durchlaufen die angehenden Krisenberater und Krisenberaterinnen ein Ausbildungsprogramm. Die Ausbildung besteht aus zehn Einheiten und erstreckt sich vierzehntägig über fünf Monate. Es geht in der Schulung im Wesentlichen um Selbsterfahrung, theoretische Einheiten und Praxisübungen. Die PeerberaterInnen erhalten abschliessend ein Zertifikat, welches ihnen den Ausbildungsgang bestätigt sowie nach der mindestens einjährigen Tätigkeit eine Auszeichnung in Form eines Arbeitszeugnisses. Nach der Ausbildung treffen sich die PeerberaterInnen weiterhin regelmässig 14-tägig zu Fallbesprechungen in ihren Teams, die von hauptamtlichen MitarbeiterInnen geleitet werden. Ausserdem steht während der Beantwortung der Mails, eine hauptamtliche Bezugsperson aus dem Bereich der sozialen Arbeit, für Fragen und zur Rücksprache zur Verfügung.  An den Fachhochschulen in Olten, Basel, St. Gallen und Zürich/Stettbach werden die Leistungen der BeraterInnen als Voraussetzung für den Praktikumsbescheinigung für den Studiengang Bachelor in Sozialer Arbeit anerkannt.

Warum ist [U25] für dich ein Herzensanliegen und was erhoffst du dir davon?

Für mich ist es eine Herzensangelegenheit, weil wir oft Rückmeldungen erhalten in dieser  Art: „Danke, wegen dir bin ich noch am Leben. Du gabst mir die Kraft weiterzuleben.“ Die positiven Feedbacks  an die PeerberaterInnen sind sehr wertvoll. Es ist schön zu sehen, dass man Jugendlichen mit einem so einfach konzipierten und niederschwelligen Angebot weiterhelfen kann. Es ist für mich zum Herzensanliegen geworden, weil sich [U25]sehr bewährt hat in der Vergangenheit. In der Suizidprävention muss sich noch viel tun und wünsche mir dass wir, durch das Projekt, viele Suizide verhindern können.

Kannst du mir von einem Erlebnis deiner Beratertätigkeit erzählen, welches dich persönlich berührt hat?

Es ist mir sehr wichtig, dass die Anonymität unserer Klienten gewahrt wird… (denkt lange nach) Mir fällt eine schöne Geschichte ein: Eine junge Frau hat sich bei [U25] gemeldet. Sie erzählte von einer schwierigen Kindheit wegen Alkoholismus der Eltern und Gewalt. Für sie war es schwer, mit dem inneren Druck umzugehen und sie hat gelitten. Irgendwann erzählte sie mir eine Geschichte: Sie schilderte, dass sie den Boden unter den Füssen verliert und in einen Fluss gerät, welcher sie einfach mitreisst. Am Anfang wehrte sie sich energisch gegen jede Hilfe, sie hatte auch schon etliche therapeutische Angebote ausprobiert in dieser Zeit. Wir standen eine lange Zeit in Kontakt und diese E-Mails waren für sie eine konstante Anlaufstelle, welche ihr Sicherheit gaben. Aus ihrem Eindruck mit dem Wasserlauf haben wir dann eine Geschichte entwickelt. In der Geschichte bekam sie dann einen Rettungsring. Der Rettungsreifen stand symbolisch für [U25], oder auch für andere hilfreiche Angebote. Der Kontakt blieb immer bestehen. Für sie war es wertvoll zu wissen, dass sie sich jetzt Hilfe holen durfte und dass diese Hilfe ihr Schwimmring war, welchen sie dann aber auch wieder loslassen konnte, sobald es ihr besser ging. Es folgten auch Änderungen in ihrem sozialen Umfeld und persönliche Beratungen vor Ort. Gegen Ende war sie immer weniger auf die Schwimmhilfe angewiesen. Irgendwann lernte sie selber schwimmen und wir verabschiedeten uns.

Die Beziehung ist das Zentrale und das Konstante in unserem Präventionsangebot. Wir beraten eher nicht, wobei Beratung ein sehr dehnbarer Begriff ist, erst recht therapieren wir nicht, sondern wir begleiten Menschen durch eine Lebenskrise. Dabei ist es wichtig zuzuhören, zu reflektieren und mitzufühlen.

Ist [U25] effektiv? Konnte schon vielen Menschen geholfen werden durch [U25] Freiburg?

Ja, im Jahr 2013 haben uns 6017 Mails erreicht und wir haben 5927 Mails geschrieben. Jeder unserer PeeraterInnen begleitete durchschnittlich drei KlientInnen. Es ist etwas schwierig zu bewerten, wie effektiv [U25]in Freiburg genau war, denn jeder Kontakt ist freiwillig. Wir begleiten die jungen Menschen, solange sie in der Krise sind und den Kontakt wünschen. Der Verlauf ist sehr unterschiedlich. Einige können wir an Therapeuten vermitteln, andere stehen nur im Kontakt zu uns oder gehen noch in eine Beratung vor Ort. Es hängt immer von der Ausgangslage des jeweiligen Interessenten ab, inwieweit sie unser Angebot in Anspruch nehmen. Die positiven Rückmeldungen an die PeerberaterInnen zeigen aber, dass wir effektiv schon Menschen geholfen haben, Leben zu erhalten. Und das ist es, was zählt.

Was denkst du, wie wird sich [U25] in der Schweiz entwickeln und was erhoffst du dir?

Ich erhoffe mir, dass das Projekt Fuss fassen wird. Mein Wunsch ist es, dass Jugendliche Erfahrungen sammeln können in der Beratung und andere junge Menschen begleiten dürfen. Ich wünsche mir, dass das Angebot gesellschaftlich akzeptiert und anerkannt wird. Zudem wäre es schön, wenn vielen Jugendlichen geholfen werden kann und wenn Jugendsuizid zunehmend verhindert werden kann. Es ist mir ein Anliegen, dass das gesellschaftliche Tabu gebrochen wird und dass Heranwachsende von ihren Eltern und Vorgesetzten ernst genommen werden. Das Tabu führt nämlich dazu, dass viele Menschen gar nicht wissen wie sie mit der Suizidalität umgehen sollen. In weiterer Zukunft würde ich mir wünschen, dass eine Beratungsstelle von [U25] an vielen Standorten errichtet werden kann. In Deutschland ist das bereits Realität. Dort gibt es Anlaufstellen an verschiedenen Standorten vom Arbeitskreis Leben. Das würde ich mir für die Schweiz auch wünschen.

Welches Lebensgefühl löst die Mitarbeit bei [U25] bei dir aus und was hast du persönlich gelernt?

Ich bin an dem Projekt persönlich sehr gewachsen. Es hat mich geprägt. Ausserdem hat es mich privat weitergebracht. Durch diese Arbeit habe ich an Offenheit, Menschenkenntnis und Einfühlungsvermögen gewonnen. Zudem lernte ich weniger zu beurteilen und zu akzeptieren wie andere sind. Dadurch, dass die Arbeit direkt am Mensch wirkt, leistet man einen positiven Beitrag und macht dabei auch noch etwas sehr sinnvolles, das macht schon glücklich.

Warum ist [U25] wichtig für unsere Gesellschaft?

Weil es ein sehr effektives und unkompliziertes Konzept mit grosser Auswirkung in der Suizidprävention ist. Ich finde den Ansatz sehr wichtig, dass Jugendliche Gleichaltrigen helfen, weil sie die gleiche Sprache sprechen und sich besser in die Lage der Betroffenen einfühlen können. Die sinkenden Suizidraten sind ein wichtiger Teil und auch das Ziel des Projekts. Für jeden Menschen in einer schwierigen Lage sollte es die Möglichkeit geben, sich an ein solches Angebot zu wenden. Das Beratungsangebot in Wil ist ja bereits jetzt überlastet. Die Nachfrage ist sehr gross und das ganz ohne Werbung. Wir sehen, dass dieses Projekt wirklich gebraucht wird.

Was ist deine ganz grosse Leidenschaft im Privatleben?

Meine ganz grosse Leidenschaft ist die Musik. Ich spiele Oboe. Ich suche mir den Ausgleich in der Freizeit in der Natur. Mit dem Hund und meinem Pferd gehe ich im Wald spazieren. Ausserdem verbringe ich viel Zeit mit Kindern.

Interview: Dania Christen

Zur Website von Projekt [U25] Ostschweiz:

www.u25-ostschweiz.ch

 

Quelle: [U25] Ostschweiz
Bild: © Dania Christen

 

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