"Den Berg selber erklimmen" - Kolumne von Paarberater Stefan Eigenmann "Liebe, Lust & Stolpersteine"

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Der Mann sagte mir offen: „Wenn man Ihre Kolumnen so liest, könnte man meinen, dass Sie für jedes Problem eine Lösung parat haben. Andere Menschen scheinen offenbar in der Lage zu sein, ihr ‚Geknorze' zu lösen. Bei mir funktioniert das leider nicht. Ich habe vielmehr das Gefühl, mich im Kreis zu drehen, ohne dass sich etwas ändert. Meine Angst, mich meinen Mitmenschen ehrlich zuzumuten, und meine Scham in sexuellen Dingen, lasten nach wie vor lähmend auf meinen Schultern." Nach einer Weile schaute er mir wieder in die Augen und streckte dann die Zunge heraus: „Ich finde meine Situation zum Kotzen und ich könnte mich hassen dafür."

Der Mann befürchtete, mich mit seinen Worten gekränkt zu haben. „Nein, ich nehme Ihre Äusserungen nicht persönlich", erklärte ich ihm. „Ganz im Gegenteil, ich möchte Ihnen zurückmelden, dass Sie sich mir soeben mit Ihrer Wahrheit zugemutet haben." Das wollte er nicht gelten lassen: „Hier bei Ihnen ist es etwas anderes", versuchte er sich kleinzureden. Darauf erwiderte ich: „Immerhin sind Sie das Risiko eingegangen, dass ich Ihr Verhalten missbilligen und Sie gar ablehnen könnte." So ganz war er nicht bereit, meine Worte anzunehmen. Weil ich vermutete, dass ich mir an seinem verinnerlichten „Abwehrdispositiv" nur die Zähne ausbeisse, erklärte ich dem Mann unumwunden: „Gegen Ihre inneren Stimmen, die Ihnen einreden, Sie würden so, wie Sie sind, nicht genügen, gegen diese Stimmen trete ich nicht an. Da rechne ich mir keine Chancen aus."

Nach einer Atempause fügte ich hinzu: „Sie haben in Ihrem Leben schon viel unternommen im Kampf gegen sich selbst, nicht wahr? Und Sie möchten, dass ich einen Plan aus der Schublade zaubere und Ihnen den Weg zu einem Leben voller Liebe und leidenschaftlichem Sex aufzeige." Mit diesen ironisch gemeinten Worten entspannte sich die Stimmung im Raum ein wenig. Ich erwiderte sein Lächeln und ergänzte: „Ich muss Sie enttäuschen, diesen Plan besitze ich nicht, den besitzen nur Sie selber. Die angstbesetzten und schamvollen Orte in ihrer Seele, die Sie so sehr fürchten, weisen Ihnen den Weg. Den Berg müssen Sie aber selber erklimmen."

Die Lebendigkeit eines Menschen wird massgeblich durch sein seelisches Empfinden geprägt. Wer sich allerdings auf sein inneres Erleben einlässt und sich dem unablässigen Konzert seiner kritischen inneren Stimmen zuwendet, verlässt die mühsam eingerichtete Komfortzone. Wer sich aufmacht, den Kopf in den Rachen der Dämonen Angst, Schuld und Scham zu stecken, mag zwar sein Gesicht verlieren – kann sich aber für intensive Eindrücke und tiefe heilsame Erfahrungen öffnen. Aus persönlicher und beruflicher Erfahrung glaube ich, dass Veränderung paradox ist. Unser Leben kann sich verändern und wir können reifen, wenn wir uns mutig dem zuwenden, was ist, nicht indem wir verlangen, etwas müsse anders sein.

„Der springende Punkt ist folgender", versuchte ich dem Mann zum Schluss zu erklären: „Trüge Sie jemand hinauf auf den Berg, brächte Sie das um die Genugtuung, es selber geschafft zu haben, sozusagen um die Früchte Ihrer Anstrengungen. Sie stehen vor der schmerzlichen Herausforderung, zu vertrauen und sich in Geduld zu üben. So wie viele andere Menschen auch, die an ihrem eigenen Berg knorzen, mich eingeschlossen."

 

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Stefan Eigenmann

Stefan Eigenmann, geb. 1960, in 2. Ehe verheiratet, arbeitet seit 2003 freiberuflich als Einzel-, Paar- und Sexualberater. In seiner 'Werkstatt für Kontakt & Dialog' in Bülach begleitet er Einzelne, Paare, Familien und Gruppen in Krisen- und Konfliktsituationen sowie in Entwicklungs- und Veränderungsprozessen.

Seine Kolumne „Liebe, Lust und Stolpersteine" erschien jahrelang im Tagesanzeiger, seit Anfang September 2009 dann in regelmässigen Abständen sogar in der positiven Online-Zeitung HappyTimes.ch. Darin beschreibt Stefan Eigenmann (allzu) menschliche Erfahrungen mit der Liebe und der Lust.

Weitere Infos finden Sie auf www.KontaktDialog.ch

 

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