„Knabenfigur mit grossen Brüsten" - Kolumne von Paarberater Stefan Eigenmann "Liebe, Lust & Stolpersteine"

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Ob sich der folgende Streit zwischen Guido und seiner Frau so oder ähnlich zugetragen hat, spielt keine Rolle. Wesentlich scheint mir viel mehr das Risiko, welches Sie eingehen, wenn Sie weiterlesen, weil Sie die Frage am Schluss ebenfalls quälen könnte:

Also: Guido liegt mit seiner Frau nackt im Bett. Sie hören sich entspannt die Musik zu dem Film „Ashes and Snow" an. Sie hat die Augen geschlossen. Er beobachtet den tanzenden Lichtkegel, den die flackernde Kerze an die Decke wirft. Guido geniesst die Leichtigkeit des Seins nach erfüllendem Sex. „Schatz, was meinst Du", fragt seine Frau urplötzlich und aus Gründen, die für Guido auch in hundert Jahren nicht nachvollziehbar sein werden, „wirst Du mich auch dann noch lieben, wenn ich ein paar Kilo an Gewicht zulege?"

Die Stimmung verändert sich abrupt und Guido ist sofort hellwach. Er realisiert sekundenschnell, wie er gegen den Eindringling in sein Gemüt keine Chance hat. Und er erfasst die bedrohliche Tragweite dieser heimtückischen Fangfrage eher instinktiv. In die Enge getrieben fühlt er sich, weil er um die zwei Seelen in seiner Brust weiss. Würde er sich von seiner Frau abwenden, nur weil sie an Gewicht zunimmt? Wäre das nicht total verwerflich, mies und primitiv? Andererseits beneidet er zuweilen reife Männer mit jüngeren, attraktiven Frauen an ihrer Seite. Er erlaubt sich dann vorzustellen, wie es wäre, leidenschaftlichen Sex mit einer solchen Frau zu erleben. Konnte er es wagen, seiner Frau auch diese Seite von ihm zu offenbaren?

Gestresst von dieser Situation verfällt er in Trotz. Er stürzt sich fatalistisch ins Chaos und entscheidet sich für eine Provokation. „Nein!", antwortet er wagemutig und beendet die atemlose Stille jäh. Darauf setzt sich seine Frau energisch im Bett auf und zündet die Nachttischlampe an. Mit gepresster Stimme fährt sie ihn an: „Was? Das ist ja wohl die Höhe! Du willst mir doch nicht etwa weismachen, dass Du auch zu der einfach gestrickten und unterentwickelten Sorte Männer gehörst, die eine reife Frau wegen einer Jüngeren verlassen, nur weil die eine Knabenfigur mit grossen Brüsten hat?"

(Guido weiss, woher seine Frau den Ausdruck „Knabenfigur mit grossen Brüsten" hat. Es stammt aus dem Roman „Ein wahrer Kerl" von Tom Wolfe. Das Buch hat er ihr neulich geschenkt, nachdem er es zuerst selber gelesen hatte.)

Guido beschliesst, strategisch vorzugehen und erst einmal zu schweigen. Schliesslich nimmt er seinen ganzen Mut zusammen und blickt seiner Frau geradewegs in die Augen. So wird er Zeuge, wie die Gedanken in ihrem Kopf unkontrolliert hin und her schlagen und sich zu einer monumentalen Überzeugung auftürmen. Mit den Händen ringend schreit sie ihn schliesslich lauthals an: „Du bist gemein!" Dann überkommen sie die Tränen.

Nun klopft Guidos Herz heftig. Nervensystem und Hormone schalten auf Verteidigung und er spürt einen heftigen Schwall Aggressionen innerlich hochschiessen. „Hallo? Jetzt aber mal halblang, ja!", bellt er giftig zurück. Dann fragt er sie gehässig: „Möchtest Du etwa ewig und bedingungslos geliebt werden, wie im Märchen?" Guido kommt in Fahrt und geht in die Offensive: „Komm wieder herunter von Deinem edelmütigen und selbstlosen Ross und mach mir nichts vor. Wenn Du an Speck zulegst und haltlos aus den Nähten zu platzen drohst, dann haben wir doch ein Problem. Oder etwa nicht? Angenommen ich tränke mir umgekehrt eine zünftige Bierwampe an. Würdest Du mich dann immer noch uneingeschränkt weiterlieben? Wohl kaum. Wird die Liebe denn nicht auch davon beeinflusst, was wir sehen, riechen, hören oder berühren? Also, ich habe da meine Grenzen."

Wie von Geisterhand gesteuert geschieht - eine Ewigkeit von ein paar Atemzügen später - dreierlei: Guidos Frau wirft sich mit dem Rücken zu ihm wieder ins Bett und macht das Licht aus, „Ashes and Snow" verstummt und die Kerze erlöscht. Nun scheint alles aus. Guido starrt verzweifelt ins Nichts; sein innerer Rechthaber hat ihn wieder einmal in die Sackgasse manövriert. Und Guido quält eine Frage: Wie würde sich wohl ein wahrer Kerl jetzt verhalten?

 

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Stefan Eigenmanns neues Buch "Liebe, Lust und Stolpersteine" im C.F. Portmann-Verlag erscheinen. Darin wurden rund 70 Texte aus der "Werkstatt für Kontakt & Dialog" veröffentlicht, welche zuerst als Kolumnen im "Tages-Anzeiger" und anschliessend sogar in der positiven Online-Zeitung HappyTimes für die Schweiz und für Deutschland erschienen sind.

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Stefan Eigenmann

Stefan Eigenmann, geb. 1960, in 2. Ehe verheiratet, arbeitet seit 2003 freiberuflich als Einzel-, Paar- und Sexualberater. In seiner 'Werkstatt für Kontakt & Dialog' in Bülach begleitet er Einzelne, Paare, Familien und Gruppen in Krisen- und Konfliktsituationen sowie in Entwicklungs- und Veränderungsprozessen.

Seine Kolumne „Liebe, Lust und Stolpersteine" erschien jahrelang im Tagesanzeiger, seit Anfang September 2009 dann in regelmässigen Abständen sogar in der positiven Online-Zeitung HappyTimes.ch. Darin beschreibt Stefan Eigenmann (allzu) menschliche Erfahrungen mit der Liebe und der Lust.

Weitere Infos finden Sie auf www.KontaktDialog.ch

 

"Liebst du mich?" 

stefan-eigenmann-buchvorderseite_000Unter diesem Titel hat Stefan Eigenmann 2006 ein Buch veröffentlicht. Darin finden Sie eine Sammlung von 35 leichten, humorvollen und teilweise brisanten Geschichten aus derWerkstattfür Kontakt & Dialog.  

BoD-Verlag, Norderstedt (D), gebunden, 88 Seiten. Im Buchhandel kann es als eBook für ca. Fr. 15.60 gekauft werden.

Die Texte rund um die Thema Liebe und Sexualität sorgen für frischen Wind in Beziehungen und für ein tieferes Vertrauen in die eigene Wahrheit und das Anderssein des Partners. Das gebundene Buch eignet sich als Geschenk für Sie & Ihn.

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Daniel
Diese Studie müssen unsere Politiker zwingend lesen.
Unsere direkte Demokratie, unsere starke Wirts...
Star
Ich habe gestern Nacht eine Sternschnuppe gesehen!
Susette Goldschmid
Happy Birthday HappyTimes und auf noch ganz viele wunderbare Nachrichten! Toll, dass es dich gibt!

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